Die Ziegelsteine und das Jurastudium – Über das rote Buch, welches uns (angehende) Jurist*innen alle verbindet.

WoDkA – Wochenmeinung Der kleinen Advokatin

Der Ziegelstein ist selbsterklärend und hat für jede*n Jurastudierende*n ab einem gewissen Fortgeschrittenheitsstadium Relevanz. Der Ziegelstein ist rot, dick, hat einen fetten Namen auf den Buchrücken gedruckt – zum Beispiel Habersack – kann im Abonnement bei beck-online erworben werden und ist wirklich sehr schwer, wenn man ihn eine Weile in einer Hand halten muss. Obwohl einem das selbstverständlich durch die hübsche kleine Tasche erleichtert wird, die sich um die Seiten der Buchbindung legen lässt, und mit welcher man seinen ganzen Stolz einmal quer durch die Stadt und wieder zurück transportieren kann – jeden Tag, wenn es denn sein muss. Und ein ganzer Stolz ist es wirklich: Ich lagere meinen Ziegelstein jetzt schon einige Monate in meinem Spind, da ich eine der glücklichen bin, die einen Spind hat, und erinnere mich dennoch sehr gut an den Tag, an dem ich den Ziegelstein zu eben jenem transportierte – wo er auch wirklich sehr gut liegt und tatsächlich auch hauptsächlich das tut – schon an meiner Bahnhaltestelle mit einer etwas geschwollenen Brust, in der Bahn den Stein erstmal auf dem Platz neben mir abgelegt, dann demonstrativ auf dem Schoß platziert, die verstohlenen Blicke, ob denn jemand starrt und sich wundert, was ich da mit mir herumtrage, das beteiligte Unbeteiligttun meinerseits. 

Der Ziegelstein sorgt dafür, dass ich mich wie eine echte Juristin fühle. Der Ziegelstein ist auch ein Wiedererkennungsmerkmal, denn wie oft habe ich schon jemandem mit ihm herumlaufen sehen und innerlich gerufen: „Du bist eine*r meinesgleichen!“ Und wie sehr hoffe ich, dass sich das jemand denkt, wenn er oder sie mich an meinem schicken majestätischen Gerät erkennt. 

Warum kann so ein rotes Stück Buch – dessen Seiten übrigens viel zu dünn sind – eigentlich mein gesamtes Juristinnendasein aufwerten?

Ich werde es nie verstehen, aber ich werde verstehen, dass man den Ziegelstein frühestens ab der Examensrepetitoriumszeit benötigt und nicht wie ich schon im fünften Semester, denn dann schlummert er nur – und frisst viel zu viel Geld. Ich werde auch verstehen, dass man sich den Ziegelstein nicht zulegen muss, weil man das Gefühl hat, jede*r hätte jetzt schon einen, denn im seltensten Fall entspricht das der Wahrheit und im noch selteneren Fall sollte man sich davon beeindrucken lassen. Und ich werde auch verstehen, dass der Ziegelstein tatsächlich nicht dafür sorgt, dass man automatisch ein*e bessere*r Jurist*in ist – auch wenn man sich das manchmal vielleicht so wünschen würde.

Der Ziegelstein ist für mich ein Zeichen dafür, dass ich mir auch mal Zeit lassen kann, dass ich auch mal Pausen machen darf, dass ich nicht so viel auf andere schauen sollte – erst recht dann nicht, wenn sie mich zu Fehlkäufen verleiten. 

Dennoch würde ich jeder Person empfehlen, die sich die Qual antut und sich den Ziegelstein zulegt, sich auch noch um ein Schließfach zu bemühen, denn dieses macht das Leben leichter (im wahrsten Sinne des Wortes): so kann dieses erstaunlicherweise nicht nur leere Mate-Flaschen und kiloweise Snacks beherbergen, sondern auch eben jenen hübschen, roten Ziegelstein, der aufgrund seines Gewichts weder von euch noch von mir jeden Tag durch die Stadt geschleppt werden sollte.

Denn im Ziegelstein steckt viel Wissen – und hoffentlich in mir eines Tages auch.

Hedda Lammert


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