WoDkA – Wochenmeinung Der kleinen Advokatin
Manchmal hasse ich es, erwachsen zu sein. Dabei kann Erwachsensein echt cool sein. Ich kann ins Bett gehen, wann ich will, bin dazu fähig, mir eigene Meinungen zu bilden, und kann meinen Eltern die Zunge rausstrecken, wenn sie mir mal wieder scherzend damit drohen, dass ich irgendwas zu tun hätte, „solange ich meine Beine noch unter ihren Tisch stecke“.
Aber manche Dinge am Erwachsensein sind echt bescheiden.
Am anstrengendsten finde ich, glaube ich, dass man ständig Entscheidungen treffen muss. Was esse ich heute zum Abendbrot? Arbeite ich noch weiter oder geh ich jetzt ins Bett? Wann stehe ich morgen auf? Gehe ich in die Uni? Fange ich jetzt schon mit LEO an? Soll ich LEO machen und nebenbei die Übung im Öffentlichen Recht schreiben? Ist es kontraproduktiv, Examensvorbereitung zu machen, wenn ich noch was anderes lernen muss? Ist es aber vielleicht genauso sinnfrei, die Examensvorbereitung so nebenbei zu machen? Wo bringe ich meine Freund*innen unter? Wie setze ich gute Prioritäten, wann muss ich die Uni vorziehen, wann muss ich einen Schritt zurücktreten und mir mehr Zeit für mich schaffen?
Deswegen möchte ich hiermit eine Lobeshymne auf den Musterstudienplan singen.
Aber keine uneingeschränkte. Denn das ein oder andere, wünschte ich, hätte ich nicht nach dem Musterstudienplan gemacht. Der Musterstudienplan gibt Struktur. Als ich noch ein ganz kleines Wurzel war – also zwei Jahre jünger als jetzt – und gerade mit Jura anfing, da half mir der Musterstudienplan ungemein aus. Ein Blick in den Musterstudienplan verriet mir, dass ich in der vorlesungsfreien Zeit eine Hausarbeit schreiben musste, dass der Fachsprachenschein aber noch Zeit hatte. Kaum ein paar Semester später sagte er mir, dass ich die Seminararbeit noch nicht im Sommer bearbeiten musste. Dann verließ ich mich auf ihn, als es darum ging, den Zeitpunkt für mein Schreiben der Übung im Öffentlichen Recht festzulegen.
Im Nachhinein ein Fehler, denn wie sehr wünschte ich mir, einfach die letzte Klausur im 5. Semester im Öffentlichen Recht mitgenommen zu haben, Kommunalrecht hätte ich vielleicht hinbekommen, nun muss ich ganz von vorn beginnen. Der Musterstudienplan sagt mir, wann ich was machen muss, um meinen Freischuss bewahren zu können. Oh, dieser Freischuss. Der Gedanke an den Freischuss macht mich ein wenig wahnsinnig, wie oft denke ich an ihn, wie gern will ich ihn doch mitnehmen, wie sehr lasse ich mich von ihm treiben, immer ein wenig gehetzt. Ich bewundere all die Leute, die der Freischuss nicht so zu kümmern scheint, denn wie gern hätte ich diese Ruhe, hätte ich den Mut, den Musterstudienplan zu ignorieren, aus dem Blickfeld zu verlieren, und ein Semester Pause einzulegen. Doch so halte ich mich an den Musterstudienplan, und bin gehetzt zwischen LEO, der Übung im Öffentlichen Recht, und meiner eigenen Unentschlossenheit.
Durch dieses Studium zu kommen, manchmal, ist eine echte Herausforderung. Entscheidungen zu treffen, erwachsen zu sein… Man lernt, zu zweifeln. An sich selbst. An der Entscheidung, die man vor mehr als zweieinhalb Jahren getroffen hat, diesen Studiengang zu beginnen. An der Entscheidung, die man jeden Tag wieder trifft, nicht hinzuschmeißen. An all den Entscheidungen, die einem der Musterstudienplan nicht abnehmen kann.
Dennoch bin ich dankbar, für all die Entscheidungen, die ich bis zu diesem Punkt getroffen habe. Ich bin trotz allem Stress auch dankbar für dieses Studium, dass es mich herausfordert, dass ich an ihm wachsen kann, dass ich tagein, tagaus neue spannende Dinge lerne. Und ich bin dankbar für den Musterstudienplan. Danke dir, du kleiner Wisch in den Tiefen des Internets, oh der du manchmal so schwer zu finden bist, und mögest du wohlbehütet noch vielen tausenden Studierenden die ein oder andere Entscheidung abnehmen.
Und deswegen: Ein Hoch auf den Musterstudienplan!
Hedda Lammert

