WoDkA – Wochenmeinung Der kleinen Advokatin
Ich bemerke es in den kleinsten Momenten. Bei dem Versuch, mir Definitionen einzuprägen oder einen längeren Text zu erfassen. Drei Seiten sind gelesen, doch in meinem Kopf herrscht Leere. Einige Bruchstücke sind noch da, doch sie ergeben keinen Sinn. Die Gedanken schweifen ab, die Augen folgen unwillkürlich, am liebsten nach draußen, hinweg über den Burgplatz, angezogen von dem hellen Blau des Himmels. Ich höre das in ungleichen Abständen auftretende angestrengte Ausatmen meiner Sitznachbarin nicht mehr. Ihre wütenden Zehnfinger-Miniaturschläge auf die Tastatur ihres mit Stickern verzierten MacBooks werden immer leiser. Dafür meine ich, ein Vogelzwitschern zu vernehmen, gemeinsam mit anderen Geräuschen, die durch das dicke Glasfenster der Bibliothek eigentlich gar nicht wahrnehmbar sind. Die Fantasie übernimmt das Steuer und die Konzentration ist futsch. Schon wieder. Fuck.
Ich brauche einen Kaffee. Schwarz. Ohne Zucker. Sofort. Oder doch lieber einen Energy-Drink? Der knallt besser.
Ich bewundere all jene, die allein durch genügend Schlaf, Disziplin oder aufgrund krasser genetischer Veranlagung wach und immerzu aufnahmefähig sind. Doch ich gehöre nicht zu den Glücklichen. Ich brauche Koffein, um in die Gänge zu kommen, egal in welcher Form. Sofern man kein Fan euphemisierender Worte ist, müsste dieser Zustand wohl als Abhängigkeit bezeichnet werden. Nur wird er nicht als solcher wahrgenommen und schon gar nicht mit diesem Wort benannt. In meinem Freund*innen- und Familienkreis bewegt man sich mit bis zu vier Tassen Kaffee am Tag noch im durchschnittlichen Bereich. Um beispielsweise meine Oma zu zitieren, sei das sogar ,,vollkommen normal’’. Unterstützt wird diese Ansicht auch durch meine fünfminütige Internetrecherche. Diverse Studien scheinen sich einig zu sein, dass eine regelmäßige, geringfügige Koffeinzufuhr keine negativen gesundheitlichen Auswirkungen mit sich bringt. Im Gegenteil: In moderater Menge konsumiert, soll Kaffeekonsum den Stoffwechsel anregen, den Körper mit Antioxidantien versorgen und das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen minimieren. Auch wenn mir diese Kausalkette nachvollziehbar erscheint, muss ich doch unwillkürlich an meinen letzten Versuch zurückdenken, den Inhalt meiner Kaffeepulverdose durch entkoffeiniertes Pulver zu ersetzen. Die rasenden Kopfschmerzen, welche im Laufe des Tages eine exponentiell geschwungene Symptomkurve hinlegten, signalisierten dann doch ziemlich eindeutig, dass man vom Zug des Kaffeegenusses nicht beliebig schnell abspringen kann.
Ich blicke auf meine Uhr, die Zeit verrinnt weiter, sie ist noch gnadenloser als sonst und der erste Punkt meiner To-Do-Liste ist immer noch nicht abgehakt.
Schön wäre es, wenn man sich in solchen Momenten auf den Kaffee aus dem Automaten in der Bib verlassen könnte. Nur ist dieser leider ungenießbar. Wahnsinn eigentlich, dass die Brühe, die dort herauskommt, den gleichen Namen tragen darf wie das schwarze Gold, welches morgens springbrunnenartig aus meiner kleinen Bialetti quillt. Ich wette, dass jedes Mal ein Italiener stirbt, wenn sich ein Studi dort nen Kaffee zieht.
Aber jetzt nach unten zu gehen und sich irgendwo einen vernünftigen Kaffee zu holen – das würde zu lange dauern. Ich entscheide mich also dazu, noch ein bisschen weiterzumachen und meinem Verlangen zu widerstehen. Die Zeit verstreicht. Mein Kopf fühlt sich outsourced an. Ohne Sprit, kein Gas.
Mittlerweile ist auch die Sonne müde geworden, sie geht langsam unter. Mein Handy blinkt auf, ein (genauso koffeinabhängiger) Freund fragt nach einer Kaffeepause. Ich stimme zu und bestelle eine heiße Schokolade. Auf seinen schiefen Blick rechtfertige ich mich mit ,,Es ist schon nach 17 Uhr, sonst kann ich später schlecht schlafen”. Er nickt wissend und bestellt sich nichtsdestotrotz einen Doppelten. Ich bin ein wenig neidisch auf seine Risikobereitschaft, obwohl ich deren Quelle mehr als gut verstehe und beginne mich, langsam an der heißen Schoki nippend, auf meinen Morgenkaffee zu freuen.
Antonia Nehne

