Jenseits der Liebe – Über das Leid und Leben in der Ukraine.

WoDkA – Wochenmeinung Der kleinen Advokatin

Triggerwarnung: Explizite Darstellung von Gewalt, Krieg

Ein Freund machte mich vor kurzem auf die oscarprämierte Dokumentation „20 Tage in Mariupol“ aufmerksam. Es war keine Empfehlung, die er mir damit aussprach. Es war nicht mehr als ein bloßer Hinweis, denn die Bilder, die der Filmemacher Mstyslav Tschernow und sein Team aus nächster Nähe eingefangen haben, sind nicht zu empfehlen. Jedenfalls nicht ohne einen warnenden Zusatz. Auch wäre es wohl nicht das richtige Wort dafür.

Mystlav Tschernow ist vor Ort, als am 25. Februar 2022 die Kämpfe in Mariupol beginnen. Er filmt, wie die Stadt am 1. März 2022 unter Beschuss von russischer Artillerie gerät. Er archiviert den Schrecken des Krieges, der die Menschen dort heimsucht. Und er, der Schrecken des Krieges, hat viele Gesichter. Sichtbar wird er in dem schluchzenden Vater, der sich über den toten Leib seines verstorbenen Sohnes Ilja beugt, sichtbar wird er in den vergeblichen Reanimationsversuchen der vierjährigen Evangelina und darin, wie die Eltern an ihrem Verlust zerbrechen. Er liegt auch in der Fassungslosigkeit einer Frau, die durch die Trümmer dessen steigt, was sie vormals „zuhause“ nannte oder in dem Gesichtsausdruck eines kleinen Mädchens, dem die Tränen über das Gesicht kullern während sie in einem provisorischen Luftschutzkeller das dumpfe Dröhnen der niederregnenden Bomben hört und das begreift, was die Eltern versuchten von ihr fernzuhalten. Einige dieser Bilder gingen bereits damals um die Welt, aber die Videoaufnahmen unterscheiden sich von den Bildern besonders darin, dass eine andere Drastik von ihnen ausgeht. Man hört die bedrohlichen Detonationen einschlagender Bomben, die hilflosen Klagen der Ukrainer und immer wieder hört man auch, wie auf Mstyslav Tschernow eingedrungen wird, er solle mit der Kamera nicht abweichen, sondern das Verbrechen dokumentieren und beweisen. Denn auch im Krieg gibt es Recht. Die Europäische Union verurteilte das Vorgehen der russischen Regierung bei der Belagerung von Mariupol als Kriegsverbrechen. Sinnbildlich dafür steht unter anderem die Bombardierung einer Geburtsklinik am 9. März 2022.

Und doch fängt diese Dokumentation nur einen Bruchteil des erfahrenen Leides ein. Von den knapp 30 Stunden Videomaterial, sind nur 1 ½ Stunden zum Bestandteil des Filmes geworden. Viele Schicksale sind nicht erzählt worden, und viele Schicksale werden auch künftig nicht mehr erzählt werden können, weil niemand von ihnen erfuhr oder weil sie nicht mit der Kamera begleitet wurden. Und auch außerhalb Mariupols Stadtgrenzen hat sich in den vergangenen beiden Jahren unzählbares Leid angehäuft. Doch ganz gleich, ob gesehen oder nicht: Die Aufnahmen der AP-Reporter um Mstyslav Tschernow legen Zeugnis ab über die Grauen dieses Krieges und sie sind beispielhaft für jedes ertragene Leid, das dieser Krieg verursacht hat.

Maximilian Kothmann


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