Jurastudium am Limit


Mit 24 Studiensemestern gehört Kolumnist Dennis sicher zu der Gruppe Studis mit der längsten Studienverlaufsbescheinigung, die an der Juristenfakultät Leipzig jemals ausgestellt wurden. Das Studium wurde zum Langzeitstudium. Seine Erfahrung lest ihr hier.

WoDkA – Wochenmeinung Der kleinen Advokatin

Da stehe ich nun, gemeinsam mit etwa 150 weiteren Jurastudis, mitten im Paulinum mit Blick auf den musealen Altar. Hinter uns mehrere hunderte Angehörige und „dem Schein“ in der Hand. Es donnert lauter Applaus. Gefühlt Minutenlang. Nur für uns, für jahrelanges In-der-Bib-sitzen bis spät in die Nacht, für reihenweise Niederlagen in nicht bestandenen Klausuren oder Hausarbeiten, für Bangen um jeden Punkt, für überwundene Selbstzweifel, für hartes Disziplinieren und für den Erfolg einer der schwersten sechs Tage Prüfungen die es gibt. Es fühlt sich an wie der Zieleinlauf bei einem Marathon oder wie ein Rockstar nach einem 3h Konzert.

Zeitblende 12 Jahre zurück: Es ist der 1. Oktober 2012 – ein sonniger Herbsttag, etwa 15 Meter neben dem Paulinum, das noch eine Dauerbaustelle war. Der Ort: Eine Bank im inneren des mit Erstis und anderen Studis gefluteten Hauptcampus, darauf sitzend ich, komplett desillusioniert von den ersten Eindrücken des Studiums.

So ein Studium kann die geilste Zeit des Lebens sein, heißt es immer, und obwohl das jenes traurige Momentum impliziert, dass das Leben danach wohl eine graue Einöde wird, kann das Studium natürlich eine geile Zeit sein, mit einem dicken „Aber“.

Aus meiner Schulzeit habe ich vor allem zwei Dinge mitgebracht, die mir keine Hilfe waren. Zum einen wäre da die Eigenschaft nur interessenbezogen zu lernen, und das Abi mit Ach und Krach auf den letzten Punkt knapp bestanden zu haben, und zum anderen der introvertiert-subkulturbezogene Hintergrund. Kurz gesagt sich in ein Jurastudium-Umfeld einzufügen, in dem lange Bib-Lernsessions Standart sind und die allermeisten Kommiliton*innen keine langhaarigen Metalheads sind. Hinzu kam auch noch eine völlig falsche Vorstellung von den Inhalten des Jurastudiums. Es kam wie es kommen musste, der Vorsatz des „dieses mal bleibe ich dran“ war schon vor den ersten Semesterferien über Board gegangen. Die ersten beiden Jahre lernte ich effektiv vier Leute kennen, rannte der ganze Zeit der Stoffmenge hinterher, schob oder fiel wechselseitig durch fast alle Leistungen und verbrachte die Freizeit primär mit Konsum – ob materiell oder medial.

Bei täglichen Ich-schmeiß-alles-hin-Momenten blieb nicht mehr viel von der Motivation, die irgendwann nur noch durch ein Bib-Crush aufrecht erhalten wurde. Doch wie es schon bei Fight Club hieß: „Erst wenn wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit alles zu tun“. Und so folgte die Phase des Aufbruchs. Ich begann mich hochschulpolitisch zu engagieren, fing mit Hochschuljournalismus an und suchte mir eine richtige WG. Aus der mussten wir alle nach 4 Monaten wegen eines massiven Wasserschadens ausziehen und Strafrecht entwickelte sich zum unüberwindbaren Hindernis. Dann, nach zwei Fernreisen und einer neuen WG ging es 2015 endlich los – bis ich im vermeintlich letzten Strafrechtsversuch durchgefallen bin und etwa eine Stunde lang der festen Überzeugung war, dass es das gewesen sei. Nach der alten Studienordnung gab es aber noch einen letzten Versuch und so hatte ich nach knapp vier Jahren und einem tiefen Blick in den Abgrund alle kleinen Scheine zusammen. Als es anschließend lief, schredderte erst Corona den Lernfortschritt und danach musste ich nochmal den Schwerpunkt wechseln, bevor es endlich zur letzten Schlacht in Schkeuditz kam.

Du siehst, dein Abschluss ist zwar wichtig als Türöffner, aber die erworbenen Skills sind im Zweifel viel mehr wert. Sei es die Resilienz und der Durchhaltewillen, der erlernt wurde, als man Niederlagen hinnehmen oder sich jahrelang täglich um 9 an den Bibplatz schleppen musste. Sei es das Selbstvertrauen, dass man erlernt hat, wenn die geforderte, am Anfang unüberwindbar scheinende Leistungswand bezwungen hat und sich auch in die bescheidendste Materie (Baurecht) soweit eingearbeitet hat, dass man darin einigermaßen kompetent auftreten kann. Auch musst du kein Musterstudi sein. Auch wenn es mal steil bergab geht, geht es auch wieder aufwärts, oder – jedes Mal wenn du in die Knie gehst, stehst du stärker wieder auf!

Zurück in Paulinum. Jeder der 150 Studis hat seine ganz eigenen Heldenreise hinterlegt und ist der Maincharakter in der eigenen Story mit ganz eigenen zu bekämpfenden Dämonen. Ich denke während des Applauses zurück an die alten Mitschüler und Lehrer für die ich Problemschüler und Pausenclown in Personalunion war. An die regelmäßige Worte wie: „Du wirst es nie zu etwas bringen“! oder „Ich sehe dich nicht als Gymnasiast“. An all die oben genannten Widrigkeiten aber auch an die geilen Momente, zu denen viele von euch, die das hier lesen, beigetragen haben. All das, um in diesem Moment des Applauses präsent zu sein – mit einem Gefühl der tiefen Genugtuung.

Der Applaus verstummt. Aber der Sieg wird immer bleiben. Peace.

Dennis Hänel



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