Warum wir auf Neujahresvorsätze verzichten können – Realtalk zum Jahresstart.

WoDkA – Wochenmeinung Der kleinen Advokain

Das neue Jahr ruft mich in den Ring – und hat bereits seine Boxhandschuhe an. Ich wurde in den vergangenen Tagen unzählige Male nach meinen Vorsätzen für 2024 gefragt. Während ich zu Beginn noch versuchte eine spontane, bodenständige, ja nahezu demütige Antwort zu geben, wurde ich mit jeder neuen Frage zunehmend ungehaltener. Schuld daran sind natürlich weniger die freundlich fragenden Gegenüber, als mein eigener Anspruch an mich selbst.

Schon zwei Tage nach Neujahr hatte ich mich in die Uni verirrt und wurde von der still daherkommenden, aber dennoch nicht weniger mächtigen Hustle-Wolke nahezu überrollt. Meine Kommiliton*innen scheinen allesamt hochmotiviert gestartet zu sein – überall schnappe ich Gesprächsfetzen auf, welche sich um Auslandssemester, Stellenbewerbungen bei rennomierten Kanzleien oder gar Lehrstühlen, haufenweise andere Projekte und natürlich das Examen selbst drehen.

Dann erinnere ich mich an die Zeit vor der Weihnachtsblase und meine damals schon leise präsente Angst abgehängt zu werden, nicht mithalten zu können und mir die Zukunft zu verbauen, weil ich nicht genügend networking betreibe, keinen hochtrabend klingenden ELSA-Titel trage und die Dekanin meinen Namen nicht kennt.

Auch der Umstand, bis heute mit keiner namenhaften Juristin auf LinkedIn vernetzt zu sein und vielmehr noch, nicht einmal auf LinkedIn angemeldet zu sein, verunsichert mich zunehmend.

Vor dem inneren Auge sehe ich meinen 7:00-Uhr-Prof (verflucht seien der Raummangel und seine grausamen Folgen!) aus dem letzten Semester, wie er in seiner Vorlesung mithilfe dramatischer Gestikulation vermittelt, es sehe düster aus mit der beruflichen Zukunft, sei man bis Studienabschluss nicht mindestens Teil von fünf außeruniversitären, ehrenamtlichen Projekten gewesen. Sie müssen doch irgendwie aus der Masse stechen!!”

Dabei habe ich die meisten dieser respektablen Dinge für mich selbst nie ernsthaft in Erwägung gezogen, geschweige denn fest als (Neujahres)vorsatz vorgenommen. Wozu auch, frage ich mich, denn auch ohne Vorsätze herrscht genügend (selbstverursachter) Druck, mit dem man umzugehen wissen muss.

Daher ist es so wichtig zu kundzutun, dass der Schein oft trügt. Die wenigsten wissen, was sie da eigentlich den ganzen Tag über treiben, kaum eine*r hat den vollen Durchblick über ihr*sein Studium. Ich nehme mal forsch an, dass es einige Studis da draußen gibt, herumirrend zwischen Campus und Burgstraße, die genauso wie ich versuchen, ihre nächste Woche auf die Reihe zu bekommen. Und das ist okay. Es reicht, wenn man im Gutachten so tun muss, als hätte man einen halbwegs stabilen Plan, aber außerhalb davon… Wo kämen wir da hin?

Antonia Nehne


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