Für die Zeit habe ich Zeit

WoDkA – Wochenmeinung Der kleinen Advokatin

Morgens, bei meinem Frühstück und all den anderen allmorgendlichen Tätigkeiten, die eine junge Studentin so durchführen muss, lese ich die Zeit. Mit meinem alten Herrn teile ich mir ein Online-Abo für Studierende, was gut ist, denn wenn ich dafür Geld bezahle, fühle ich mich verpflichtet, auch tatsächlich zu lesen. Und das tue ich, ausschließlich morgens, denn morgens habe ich Zeit, und mein Gehirn ist frisch und in der Lage, sich mit den kleinen und großen Problemchen dieser Welt zu befassen.

Abends geht das nicht mehr. Abends möchte ich nichts mehr darüber lesen, dass der Klimawandel uns schon das zweite Jahrhunderthochwasser im gleichen Jahr beschert hat. Dass der Osten Deutschlands blau ist. Dass der Krieg in Nahost immer mehr zu eskalieren scheint.

Morgens lese ich über Sperrminoritäten. Über den Fakt, dass die AfD in zwei der drei Bundesländern, in denen in den letzten Monaten gewählt wurde, eine Sperrminorität erreicht hat, und dass in Sachsen, dem einzigen Bundesland, wo sie das nicht hat, sie diese um genau einen Landtagssitz verfehlt. Ein Sitz also, eine einzige Person soll zwischen einem funktionierenden Landtag und Lahmlegung (siehe zuletzt Thüringen) liegen?

Morgens beschäftige ich mich mit Friedrich Merz als Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, dem Mann, der schon gefühlt zehnmal verkündet hat, sich aus der Politik zurückzuziehen und es dann – leider – nie final getan hat. Ich lese über all die Sachen, die Friedrich Merz schon gesagt hat, und frage mich, während mich eine schleichende Panik überkommt, was aus dieser Erde wird, wenn ein weiterer alter weißer Mann regiert, der sich keinen Deut um die Umwelt schert und populistische Ideen reproduziert.

Morgens habe ich noch Gehirn über. Morgens kann ich mich in komplizierte Regierungsbildungsprozesse in Frankreich hineindenken, und mich wundern, warum nach einem kurz Hoffnung weckenden Wahlausgang, in dem sich das Linksbündnis gegen den Rassemblement National durchsetzen konnte, nun mit einem Republikaner als Premierminister doch eine rechtskonservative Regierung gebildet wurde. Mit einem Republikaner, dessen Partei lediglich viertstärkste Kraft geworden ist. Mit einem Republikaner, der bei Verweigerung durch das Linksbündnis auf Stimmen des RN angewiesen ist, um seine Ziele umzusetzen.

Abends lese ich maximal noch über den Einsturz der Carolabrücke. Dieses Ereignis kann ich guten Gewissens als eine gute Nachricht einstufen, denn es ist niemand zu Schaden gekommen, und stattdessen hat die wunderschöne Stadt Dresden noch ein weiteres Wahrzeichen erhalten. Aus welchem vielleicht auch bald Souvenirs gemacht werden sollen, legt ein bisschen Geld zurück Leute, damit ihr bald ein eigenes Stückchen Carola in eurem Zimmer haben könnt! Ich persönlich würde mich ja für ein Bisschen Oberspannleitung interessieren.

Morgens lese ich die Zeit. Etwa eine Stunde lang, mal mehr, mal weniger, je nachdem wie verschlafen ich bin. Und wenn ich dann doch auch morgens mal eine Pause von der Politik brauche, dann kann ich mir auch eine solche nehmen. Denn die Zeit hat auch anderes zu bieten und ich kann mich über die verschiedensten Dinge belesen, mit unterschiedlicher Relevanz für meine Wenigkeit – sei es nun ein Artikel über den geschichtsträchtigen Tian’anmen-Platz oder Erfahrungen von Müttern beim Stillen – und sie alle funktionieren gleichermaßen, mich von meiner Weltschmerzpanik abzulenken. Meiner Weltschmerzpanik, die auch dadurch ein wenig an Bedeutung verliert, dass es im nächsten Artikel darum geht, ob eine junge Frau „Maranoia” hat – die Paranoia vor dem nächsten Marathon. Ach, wie gern würde ich doch meine Weltschmerzpanik gegen ihre Maranoia tauschen!

Hedda Lammert


Posted

in

by

Tags: