Achtung! Petitionsaufruf: Für mehr Internetkompetenz!

WoDkA – Wochenmeinung Der kleinen Advokatin

Nun gut. Diese Kolumne ist nicht das, was sie eigentlich sein sollte. Ursprünglich sollte sie heißen:
„Petition: Ein Semester mehr für Jurastudentinnen!“.
Mit diesem etwas speziellen Titel wollte ich euch, liebe Leser*innen anlocken, und mit auf eine Reise
zum und in den weiblichen Körper nehmen. Dort wollte ich auf eine vermeintlich neue „Studie“
eingehen, die vor einigen Monaten auf Instagram und TikTok die Runde gemacht hat, darüber, dass
Frauen mehr Schlaf als Männer bräuchten. Also, signifikant mehr Schlaf. Diese Videos, die auf einmal
überall waren, sprachen von ein bis zwei Stunden mehr Schlaf pro Nacht, und noch einer extra Stunde
zusätzlich, während die Frau ihre Periode hat. Dieses Thema wollte ich nutzen, um euch
vorzurechnen, wie viel so eine Stunde am Tag ausmacht, und wie viel Lebenszeit Frauen somit durch
Schlaf verlieren, und dass deshalb uns Juristinnen doch bitte bitte ein Extra-Semester Regelstudienzeit
gewährt werden soll.
Nun, die Juristerei hat Glück, und hat wieder einen guten Grund jeglichen Reformbedarf in den Wind
zu schießen: Diese vermeintliche „Studie“ ist kompletter Schwachsinn und existiert so nicht.
Als ich mich also näher für diese Kolumne mit dieser „Studie“ auseinandersetzen wollte, um meine
Fake News wenigstens nicht auch noch zu reproduzieren, habe ich schon nach wenigen Minuten
unerfolgreicher Suche das Schlimmste vermutet. Das Internet schien diese Studie nicht zu kennen, und
spätestens hier sollte man stutzig werden, denn das Internet kennt eigentlich alles. Schlussendlich bin
ich dann doch noch auf einen Artikel gestoßen, der mich aufklärte und deutlich machte, dass eine
solche „Studie“ nicht existiert und nie existierte – die Idee kommt vielmehr von einem Chiropraktiker,
der keinerlei Beweise für seine Behauptung hat.
Nun… Es ist ja nichts Neues, im Internet einer Fehlinformation aufzulaufen, aber ein wenig schockiert
war ich dann doch, dass es mir passiert ist. So behaupte ich eigentlich gern von mir selbst, zumindest
ein wenig sensibilisiert für diese Art von News zu sein, die so aufgebauscht sind, dass sie eigentlich
nicht wahr sein können.
Ich muss also Internetkompetenz lernen. Und ihr vielleicht auch – denn gelegentlich mal Fake News
aufzulaufen bedeutet nicht, dass man dumm ist. Es bedeutet nur, dass die Fake News gut gemacht
sind. Das Internet, vor allem die sozialen Medien, leben von unserer Aufmerksamkeit, und was erregt
Aufmerksamkeit? Aufregende Neuigkeiten und Neuigkeiten, über die man sich aufregen kann.
Internetkompetenz wird immer wichtiger, denn das Internet wird immer wichtiger, vor allem auch – ja,
ich werde es sagen – in Anbetracht von KI, die, wie wir wissen, vor Fake News auch nicht gefeit ist.
Also: lernen wir, unsere Fakten gegenzuchecken! Vor allem, wenn wir uns viel in sozialen Medien
aufhalten. Schauen wir gelegentlich mal nach der Wissenschaft, zum Beispiel wenn es um
vermeintliche Gesundheitstipps geht, seien das besondere tolle neue Ernährungsweisen, Sportübungen,
Skin-Care-Tipps, oder auch „Schlafstudien“. Lernen wir, unsere Fakten gegenzuchecken, vor allem,
wenn es um Politik geht – denn was passiert, wenn wir das nicht tun, hat sich diese Woche nur wieder
allzu deutlich gezeigt. Und lernen wir, auch nach der Wissenschaft zu schauen, wenn wir in der
Juristerei unterwegs sind. Denn eines Tages wird jede*r von uns mal Verantwortung für Schicksale
anderer Menschen übernehmen, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Und diese anderen Menschen
setzen auf uns, dass wir Ahnung haben, und dass wir unvoreingenommen auf die Wissenschaft
zurückgreifen können. Denn auch die Juristerei (mag sie auch manchmal das Gegenteil suggerieren,
wenn es mal wieder um Meinungsstreitigkeiten geht, die vermeintlich keinerlei Verankerung im
Gesetz haben) ist eine Wissenschaft.

Und Wissenschaft ist gut.

Hedda Lammert


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