Der Staat(sanwalt) bin ich

Kolumnist Dennis hat den ersten Sitzungsdienst der Staatsanwaltschaft absolviert
und erklärt euch, worauf ihr euch in eure Referendariat freuen dürft
.

Zwischen der Entscheidung mich für Rechtswissenschaften einzuschreiben und dem Moment mit Robe und Aktenstapel ein Gerichtssaal zu betreten, ist es gefühlt nur ein Augenblick. Vom inneren Gefühl ist man immer noch der einfache Junge aus Chemnitz, der zum Schuldirektor zitiert wird, weil er wiederholt auf dem Lehrerparkplatz geparkt hat. Stichwort Schule. Eine Gerichtsverhandlung hat viel von dem Vibe dem man aus der gewöhnlichen Gymnasialklasse kennt, nur das man selbst nicht (mehr) der Verhaltensauffälligste ist. Der Richter ist der Lehrer, der Angeklagte das Problemkind und der StA der Streber – in letzterer eher ungewohnten Rolle fand ich mich nun an einem verschneiten Montag morgen wieder.

Erste Verhandlung – Einbruchsdiebstahl in einer Garage. Die Verteidigerin, die eine Großmutteraura versprüht gibt eine plausible Erklärung ab, die dafür sorgt, dass nur noch ein normaler Diebstahl übrig bleibt, der natürlich eine andere Sanktion verlangt. Während ich der Verhandlung folge multitaske ich nebenher eine neue Strafzumessung und lese sicherheitshalber nach ob das Betreten einer schon aufgebrochenen Garage unter „Einsteigen“ subsumierbar ist. Dann erhebe ich mich für das erste Plädoyer – was anhand des dann gefällten Urteils – scheinbar ganz stabil war. Die Anklageschrift der zweiten Verhandlung (Computerbetrug) ist buchstäblich eine Einkaufsliste über 3 DIN A4 Seiten, die ich gefühlt eine halbe Stunde vorlese. Doch es fehlt eine nötige Zeugin. Gemeinsam mit Verteidigerin und Richter gehen wir ins Hinterzimmer um den weiteren Verlauf auszuklüngeln, doch allzu viel spannendes passiert nicht, vielmehr redet der Richter über seine baldige Versetzung.
Bei der dritten Verhandlung (versuchte Nötigung) fällt mir zunächst das kühle Verhältnis zwischen dem vollbärtigen Pflichtverteidiger und dem Angeklagten auf. Denn wird der Zeuge von zwei stämmigen Justizbeamten in Handschellen hereingezerrt. Einer der Beamten legt mir die Haftakte des Zeugen auf den Tisch, welche ich sogleich pflichtgemäß
anschaue aber keine Ahnung habe was ich damit anfangen soll. Die vierte Verhandlung wird geführt, weil der Angeklagte eine Edeka Filialleiterin weggetackelt und als „alte Fotze“ bezeichnet haben soll – ich hab dabei die fragwürdige Ehre diese wunderschöne Beleidigung in der Anklageschrift laut vorzulesen. Dem Camp David tragenden Angeklagten ist die gesagte Situation sichtbar unangenehm und er versucht sich an der Erklärung, dass er zu unrecht des Diebstahls bezichtigt wurde und von ihr festgehalten wurde. Die sehr stylisch gekleidete und extrovertierte Verteidigerin nimmt die Filialleiterin daraufhin ordentlich in die Mangel und fragt, ob man bei Edeka so immer mit potentiellen Dieben umgeht. Die Geschädigte erklärt, dass wir das im Laden selbst festlegen, woraufhin die Verteidigerin fragt „gehört ihn Edeka oder wie?“. Die Stimmung ist ordentlich aufgeheizt und die Filialleiterin will zunächst nicht die oben genannte Beleidigung „alte Fotze“ wiederholen, doch der Richter besteht darauf. Noch nie habe ich diese Beleidigung so oft gehört wie an diesem Tag. Danach sichten wir das Video
der Überwachungskamera, worauf hin nichts von einem Festhalten zu sehen ist. Die Angeklagtenbank knickt ein und der Angeklagte entschuldigt sich dann noch kleinlaut bei der Geschädigten.


Die letzte Verhandlung ist eigentlich schon vom Tatvorwurf her – Schwarzfahren – lächerlich, doch der Angeklagte hat über 20 Vorstrafen. Ein alter Mann, der ohne Anwalt, dafür mit Betreuer auftritt und schon einalter Bekannter des Richters ist. Mein Ausbilder bestand auf das Fordern von zwei Monaten Haft, um zu zeigen, dass sich die Justiz nicht auf der Nase herumtanzen lässt. Ich hoffe, dass der Angeklagte gleich eine gute Begründung liefert, doch nach einem kurzem Erklärungsversuch gesteht er und ich muss gegen meine Überzeugung für Haft plädieren. Danach minutenlang Stille im Raum. Der Richter ist zum Glück gnädig und verhängt nur eine Geldstrafe. Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk sozusagen.
Nach der Sitzung gebe ich die Dienstrobe wieder ab und mir ist einmal mehr klar, dass meine Rolle im Gerichtssaal, wie auch schon in der Schule, sinngemäß auf der anderen Seite neben dem Angeklagten ist.

Dennis Hänel




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