Von Rauch und Schall

WoDkA – Wochenmeinung Der kleinen Advokatin

Kaum ein Tag zeichnet sich derart durch gelebtes Brauchtum aus wie Silvester. Die Riten unterscheiden sich von Land zu Land zum Teil sogar sehr. So wird in Argentinien altes Papier in kleine Stücke gerissen oder geschreddert und um Mitternacht aus dem Fenster geworfen, im Glauben daran, sich dadurch von den Altlasten des vergangenen Jahres zu befreien und
gleichzeitig Platz für das kommende Jahr zu schaffen. In Spanien setzt man dagegen auf die „Glückstrauben“, die man bereits abgezählt in Zwölferpackungen im Supermarkt kaufen kann. Um Mitternacht schlagen dann die Glocken an der Puerta del Sol in Madrid zwölfmal im Abstand von drei Sekunden. Dann gilt es flink zu sein und mit jedem Glockenschlag eine
der zwölf Weintrauben zu verspeisen. Denn dann, so zumindest der Brauch, winkt einem für das gesamte kommende Jahr Wohlstand und Glück.

Weit verbreitet ist besonders hierzulande an Silvester, und für manche sogar an den wenigen
Tagen davor und danach, auch das Zünden von Feuerwerk und Böllern. Dabei scheint es gelinde gesagt nicht unbedingt immer so, als wären jene Dinge am besten in den Händen von Privatpersonen aufgehoben. Allein in der vergangenen Silvesternacht verloren bisher fünf Menschen durch Unfälle mit Böllern ihr Leben und viele weitere zogen sich mitunter schwere Verletzungen an den Händen und im Gesicht zu. Betroffen sind aber zumeist nicht nur diejenigen, die die Feuerwerkskörper und Böller zünden, sondern auch Polizei- und Rettungskräfte sowie unbeteiligte Dritte. In der Silvesternacht kam es auch zu etlichen Bränden mit teils horrenden Schäden. Demnach sollen Häuser, Garagen, Schuppen, Autos und Müllcontainer mancherorts in Flammen gestanden haben. Auch wird der Umwelt durch die
gesteigerte Freisetzung des Feinstaubs kein allzu großer Gefallen erwiesen. Von den Tieren, die sich vor den regelmäßigen Detonationen fürchten, ganz zu schweigen.


Da stimmt es wenig Wunder, dass die inzwischen beinahe alljährlich geführte Debatte um ein „Böllerverbot“ wieder Fahrt aufgenommen hat. Eine von der Berliner Gewerkschaft der Polizei initiierte Petition, die ein bundesweites „Böllerverbot“ verfolgt, haben inzwischen über 530.000 Menschen online unterzeichnet und soll am 6. Januar dem Innenministerium
vorgelegt werden. Auch die Deutsche Umwelthilfe unterstützt die Petition. Der Verband für Pyrotechnik zeigt sich dagegen wenig überraschend sehr überzeugt von der Ungefährlichkeit zertifizierter Raketen und Böller. Demnach seien schwere Verletzungen „selbst bei unsachgemäßer Verwendung praktisch ausgeschlossen“, so zumindest der Vorsitzende Ingo
Schubert, dem es scheinbar ein wenig an Vorstellungskraft mangelt oder der wenigstens den Einfallsreichtum eines manchen gravierend unterschätzt.

Die entscheidenden Vorschriften zum Verkauf und Abbrennen von Feuerwerk finden sich in
der Ersten Verordnung zum Sprengstoffgesetz. Ein „Böllerverbot“ ließe sich also bereits durch eine Veränderung der Verordnung bewirken. Es bräuchte dafür lediglich einer eigenständigen Änderung durch das Bundesministerium des Inneren. Dieses teilte aber zuletzt mit, dass es ein „Böllerverbot“ für nicht verhältnismäßig halte. Ein „Böllerverbot“ ließe sich
zuletzt schließlich auch dadurch erreichen, dass der Bund das Sprengstoffrecht reformiert und per Gesetz für ein „Böllerverbot“ sorgt. Dafür bräuchte es dann aber wiederum einer Mehrheit im Bundestag, die durchaus schwierig zu bestellen sein dürfte.

Ein spannender Trendwechsel zeichnet sich allerdings in dem Vergleich zweier Umfragen ab,
die rbb|24 kurz vor den beiden Jahreswechsel 2024 und 2025 erhoben hat. Vor einem Jahr votierten auf die Frage, ob Feuerwerk zu Silvester generell verboten werden sollte noch knapp 69 % der 20.000 Befragten gegen ein generelles „Böllerverbot“ und nur 27 % sprachen sich für ein solches Verbot aus. In der aktuellen Umfrage stimmten dieses Mal aber nun wiederum 69 % der knapp 31.000 Befragten für ein „Böllerverbot“ und nur 19 % dagegen. In anderen Ländern gehört ein privates „Böllerverbot“ oder strengere Auflagen bereits zur gängigen Praxis. Dort erfreut man sich der Komposition eines organisierten Feuerwerks und wohl auch der angenehmen Aussicht, an diesem Abend alle Finger zu behalten. Vielleicht ließe man sich einst für diese Idee ja auch hierzulande einmal erwärmen.


Maximilian Kothmann


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