WoDkA – Wochenmeinung Der kleinen Advokatin
Kolumbien ist ein Land der Ambivalenzen. Schneebedeckte Vulkane, weiße Strände, weite Landschaften, beklemmend enge Städte. Für mich fremd und vertraut zugleich, irgendwo zwischen Heimat und Heimweh. Die Ambivalenz ist kein ausschließlich persönliches Empfinden: Ein Taxifahrer erzählt angeregt von der aktuellen politischen Situation, und kritisiert die Petristas, während er sein Auto durch die verstopften Straßen Bogotás steuert. Er lacht und schließt mit den Worten Colombia realmente es un país hermoso, pero la corruption esta en todas partes. Kolumbien ist wirklich ein wunderschönes Land, aber die Korruption ist überall. Die Gleichzeitigkeit von Stolz und Frustration gehört irgendwie zum Lebensgefühl.
Mit Petristas meint der Fahrer die Anhänger von Gustavo Petro, der Person, die alle Ambivalenzen in sich zu vereinen scheint. In den 80er Jahren Mitglied der Guerilla-Gruppe M-19, ist er seit 2022 der erste linke Präsident des Landes. Seine Präsidentschaft löste Optimismus aus, er versprach soziale Reformen um Armut zu bekämpfen, Ungleichheit zu verringern und endlich konsequent die Korruption einzudämmen. Doch heute, zwei Jahre später, hat er viel Zustimmung verloren – insbesondere unter den jungen Menschen. Reformen wurden verschleppt oder verwässert und er und sein Umfeld sehen sich zwischenzeitlich selbst Vorwürfen der Korruption und Vetternwirtschaft ausgesetzt.
Insbesondere Petros Guerilla-Vergangenheit polarisiert. Er war zwar „nur“ politisch und organisatorisch für die M-19 aktiv. Nichtsdestotrotz ist es genau die Gruppierung, die 1985 für die Besetzung des Verfassungsgerichts verantwortlich war, in deren Verlauf fast 100 Menschen getötet wurden, darunter 12 Verfassungsrichter*innen. Dieses Ereignis bleibt für viele eines der traumatischsten in der kolumbianischen Geschichte. Petro distanzierte sich später zwar von den Methoden der M-19, rechtfertigt jedoch die politische Gewalt der Vergangenheit als notwendigen Teil des Kampfes gegen ein korruptes System. Dieses Argument ist zumindest nicht völlig von der Hand zu weisen: Immerhin formierte sich M-19 als Protestbewegung gegen Betrug im Kontext der Präsidentschaftswahlen 1970. Wieder die Ambivalenz – die zwei Seiten der Medaille. Je tiefer man in die kolumbianische Geschichte eintaucht, desto verstrickter und unübersichtlicher gestaltet sich das Gesamtbild. Hier gibt es kein schwarz oder weiß, alles hat tausend Schattierungen.
M-19 wandelte sich nach einem Friedensabkommen in den 1990er Jahren in eine politische Partei und bot Petro so den Startpunkt seiner politischen Karriere. Dass er heute das Präsident*innenamt bekleidet zeigt, wie weit Kolumbien in der Einbindung ehemaliger Rebellen in das politische System gekommen ist. Das könnte man als Erfolg verbuchen: Befriedung durch Teilhabe, oder so.
Nichtsdestotrotz hat die von Kartellen, Guerillagruppen und paramilitärischen Organisationen geprägte Vergangenheit in Kolumbien viel kaputtgemacht, schwache Institutionen ausgenutzt und die Etablierung korrupter Strukturen begünstigt. Dieses Kapitel zu überwinden ist schwer, und der Weg noch weit. Ob dieser unter Gustavo Petro gelingen kann, bezweifelt zumindest der Taxifahrer. An der Schönheit dieses Landes lässt er aber keine Zweifel zu, trotz aller Ambivalenzen.
Adele Medina

