Kreatives – wo Kunst im Jurastudium ihren Raum findet

WoDkA – Wochenmeinung Der kleinen Advokatin

Letzte Woche tippte mich am Mittwoch morgen um kurz nach neun, als ich die Tür zu Hörsaal 3 öffnen wollte, ein Freund an. Er war gerade aus dem Hörsaal gekommen und berichtete zu meinem Erstaunen, dass Professor Faßbender sich angewöhnt habe, regelmäßig am Ende dieser frühen Vorlesung den Studierenden ein Stück auf seiner Gitarre vorzuspielen. Nach einer Meinungsabfrage am Anfang des Semesters, bei der wohl die Mehrheit der Studierenden im Hörsaal ihr Interesse an seinem Gitarrenspiel mit einem Handzeichen bekundet hatten, bringe er nun jede Woche eben jenes Instrument mit und halte nach dem Ende der Vorlesung um punkt 9 Uhr ein kleines Konzert. Unwillkürlich fühlte ich mich an eine Familienrechtsvorlesung zurückerinnert, in der der doziernde Professor den Flügel im Audimax als Aufforderung verstand, uns Studierenden ein Liedchen zu spielen. Er wollte so die Zeit überbrücken, in der sich kein*e Student*in meldete um auf seine gestellte Frage zu antworten. Der pädagogische Zweck erfüllte sich, denn der Studierendenschaft war die Situation so unangenehm, dass sich bald einige Hände hoben. Ich erinnere mich, dass sogar ich (zum ersten und einzigen Mal) im Audimax meine Stimme erhob, um eine Antwort zu geben und so sein Klavierspiel zu beenden.


Professor Faßbender scheint mit seiner Musik jedoch einen ganz anderen Zweck zu verfolgen. Ihm geht es wohl darum, den Studierenden eine Freude zu machen, sie praktisch zu belohnen dafür, dass sie sich in diese frühe Vorlesung um 7.30 Uhr geschleppt haben und bis zum Ende wach geblieben sind. Ein simples Belohnungssystem also. Psychologisch sicherlich sehr sinnvoll. Ebenfalls psychologisch sinnvoll ist es aber auch, selbst während des Lernens beziehungsweise Zuhörens kreativ zu werden. Nicht jedoch musikalisch – diese Kolumne möchte nicht dazu motivieren, während der Vorlesung ein Liedchen zu trällern. Vielmehr dazu öfter zum Stift zu greifen. Am Rande seiner Vorlesungsnotizen kleine Bilder zu kritzeln, kann nämlich die Konzentration steigern. Obwohl diese Tätigkeit, in der Schule bei den meisten sicher ebenso verpönt war wie bei mir und Lehrkräfte es nie gerne gesehen haben, dass ihre Schüler*innen malend im Unterricht sitzen. Und auch in der Uni gilt es tendenziell als unhöflich, zu malen statt fleißig mitzuschreiben. Dabei sind kritzelnde Studierende meist genauso ein Zeichen für Fleiß und Lerneffizienz wie Folienabschreiber*innen.


Schon 2009 ergab die Studie einer Psychologin, dass Personen, die beim Zuhören kleine Bilder zu Papier gebracht hatten, sich besser an das Gehörte erinnern konnten, als solche, die nur zugehört hatten ohne dabei etwas zu machen. Und auch neuere englische Studien* belegen, dass sich die Gedächtnisleistung von Kritzelnden um 30 % erhöht. Durch das Malen aktivieren wir uns selbst, Gedanken schweifen weniger ab und deswegen können wir uns besser aufs Zuhören konzentrieren. Eine Information, die ich gerne allen Lehrkräften und Dozierenden, aber auch Lernenden nahelegen würde. Der Bogen von Professor Faßbenders Gitarrenspiel zu einer schon über 10 Jahren alten Studie mag sehr weit wirken, ich möchte aber dennoch raten: packt eure bunten Stifte ein und malt in euren Vorlesungen! Und wer die musikalischen Künste mehr schätzt als die bildende oder wer lieber Rezipient*in als Erschaffer*in ist, dem*der lege ich die Kommunalrechts-Vorlesung bei Professor Faßbender, Mittwochs von 7.30 bis 9 Uhr in Hörsaal 3 ans Herz.

Fia Josefine Schrader

* Hier geht es zur Studie: https://www.stern.de/gesundheit/psychologie/kritzeln–warum-uns-die-kleinen-kunstwerke-bei-der-konzentration-helfen-34517894.html


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