Quarterlife Crisis

WoDka – Wochenmeinung Der kleinen Advokatin

Vor wenigen Tagen bin ich ein Jahr älter geworden. Jener Tag war wunderschön, ich durfte ihn mit vielen der mir liebsten Personen verbringen – was für ein unbezahlbares Geschenk. Aber über das Älterwerden selbst habe ich mich nicht gefreut. Offen gestanden war ich schwer damit beschäftigt, mit einem gegenteiligen Gefühl zu kämpfen: der Furcht vor dem, was kommt und vor dem, was ich verpassen könnte, während ich das Falsche tue.

Vermeintlich, nein, eher ganz sicher, stehen mir sämtliche Türen offen. So plakativ und simpel das klingen mag: Ich könnte mein gesamtes Hab und Gut zu Geld machen und davon ein One-Way-Ticket ins Warme kaufen, jeden Tag Sonne, Strand und Sex, einfach so!

Ich könnte einen Barkeeperinnen-Kurs besuchen, im Nachtleben der Lohnarbeit nachgehen und mit Aussichten auf ordentliches Trinkgeld ein gar nicht so bescheidenes Leben führen. Ich könnte mir einen (oder zwei) Job(s) im Einzelhandel suchen, in nahezu jede beliebige andere Stadt Deutschlands ziehen, nach Regensburg, Hamburg, meinetwegen nach Offenbach, oder dank Freizügigkeitsrecht (grazie mille EU!!) gleich ins europäische Ausland auswandern. DJ werden, tanzen lernen, eine Skat-Runde suchen, mich im Rugby versuchen, beim Yoga-Kurs finden. Vollzeit-Mama sein (zumindest mit Katzen) wäre natürlich auch eine Option – Panic!

Alles ist möglich, jetzt! Alles, HEUTE!

Ich habe Freiheiten, von denen die Generationen meiner Mutter und Großmutter nur träumen konnten – wobei, vielleicht nicht einmal das, weil die Grundlage zum Träumen so weit entfernt von der eigenen Realität war, dass die Fantasie zu derartigen Träumen nicht genügen konnte. Ich werde mit ziemlicher Sicherheit nie wieder so agil und fit sein, und ohne die ein oder andere Hyaluronmagie so gut aussehen wie heute… Und anstatt das zu feiern, jeden Atemzug wie eine gute Zigarette zu genießen und meine bloße überwiegend non-melancholische Existenz auszukosten, schütte ich mir morgens die gesamte Dosis an geisteseigener Disziplin in den Morgen-Matcha und fahre jeden verdammten Tag in die verdammtere Bibliothek, lese Fälle, lese Skripte, lese Whatsapp-Nachrichten, manchmal Mails, studiere meinen Kalender, manchmal lerne ich sogar ein bisschen was, aber hauptsächlich ist es ein Kriechen in Richtung erstes juristisches Examen.

Nach den vielen Jahren des Studierens frage mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht nur ich mich, warum die Wahl auf diesen Weg gefallen ist:

Um finanziell „ausgesorgt zu haben“? Um der Karriere Willen? Für`s eigene Riesen-Ego oder um den inneren Imposter gänzlich zum Schweigen zu bringen, indem man ihm beweist, was möglich ist? Um die Familie stolz zu machen? Um es der einen grantigen Lehrerin heimzuzahlen, die etwas zu deutlich deutlich gemacht hat, dass man lieber kleinere Brötchen als die 5-stöckige-Fondant-Torte mit Dubai-Schokoladen-Füllung namens Jurastudium backen sollte? Um einen ansehnlichen Lebenslauf vorweisen zu können oder gar tatsächlich für ein höheres Ziel?

Ganz gleich welcher dieser Gründe der einschlägige ist oder ob gar ein ganzes Motivbündel einen am Leben erledigen hält – es ist doch eigentlich Wahnsinn, dass man diese langfristigen, so absurd entfernt erscheinenden Ziele über das Verlangen kurzfristiger Impulse stellt.

Gerade dann, wenn die Welt zu brennen scheint, weil die Brandmauer eingerissen wurde, wenn angsteinflößende Klimaereignisse sich häufen, die Gewalt gegen Frauen zunimmt, machtgeile, unerträgliche, fanatische Milliardäre die öffentliche Meinung lenken können und schmerzhaft viel Bühne bekommen, Rassismus alles andere als Geschichte ist, ein nicht enden wollender Krieg auf europäischen Boden tobt, die Last dieser Nachrichten so sehr erdrückt, dass Ohnmacht einzutreten droht.

Gerade dann, wenn man in ein Alter kommt, in dem die Großeltern nicht mehr so können wie früher, enge Freundinnen endgültig ihren Lebensmittelpunkt in eine weit entfernte Stadt verlegen, manche beginnen Kinder zu bekommen, um ihrem vor Fruchtbarkeit strotzenden Körpern gerecht zu werden und alle einen um die Jugend beneiden, die man nicht genießt. 

Gedanken – STOPPT! Die großen Fragen schreien einen immer in den schwierigsten Phasen an. Zweifel werden dann laut, wenn es am härtesten ist, Naturgesetz. Es ist kein Wunder, dass ich jetzt, kurz vor dem Examen und nach einem Jahr Prüfungsvorbereitung mit wieder steigendem Lebensalter mein komplettes Leben hinterfrage. Gerade weil das Jurastudium sich zieht wie ein ungeiler Kaugummi, musste das „I`m wasting my young years-Feeling“ irgendwann einschlagen. 

Es lässt sich durchaus besänftigen, mit der Vorfreude auf einen fetten Urlaub nach den Schriftlichen, und ja, danach sollte man sich auf jeden Fall erneut fragen: „Wofür mache ich das alles“? Und wenn dann keine Antwort da ist, DANN ist tatsächlich Zeit und Pflicht, über andere Lebensentwürfe nachzudenken.

Aber nicht jetzt. Nicht mehr heute. Und nochmals offen gestanden: Wenn ich ganz tief in mich gehe, dann weiß ich genau, auch jetzt, wofür ich es tue. Ich will die Welt ein kleines Stückchen besser machen, wie auch schon vor 5 Jahren und einige Zeit davor. Ich will meine Bildung und die mit ihr einhergehende Macht nutzen, um Menschen zu helfen, die sich selbst nicht helfen können. Ich will einen Unterschied machen.

„Das gebe ich nicht auf“, sage ich mir, „Gebt nicht auf!“, sage ich euch. Denn insgeheim und wenn auch nicht jeden Moment, dafür aber umso stärker in der Tiefe, wisst auch ihr, weshalb ihr euch bemüht und wofür ihr schuftet.

Haltet und zieht durch – um euretwillen.

Antonia Nehne


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