Prüfungsstress

WoDkA – Wochenmeinung Der kleinen Advokatin

Mit dem Ende der Vorlesungszeit steht für viele Student*innen auch die Prüfungsphase an. Man spürt förmlich, wie die Anspannung in der Uni steigt. Es herrscht noch mehr Platzmangel in den Bibliotheken; alles ist restlos überfüllt. Während man letzte Veranstaltungen besucht, sitzen andere schon schwitzend vor Hörsälen und gucken panisch noch einmal die Aufzeichnungen durch. Wieder andere verlassen in Strömen die Räume und plaudern voller Gelassenheit oder verbergen das Gesicht in den Händen, wenn sie feststellen, dass sie die Aufgabenstellung falsch gelesen haben oder wieder einmal zu wenig Zeit hatten und einfach nicht fertig geworden sind.

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine erste Jura-Prüfungsphase. Der Januar meines ersten Semesters war schrecklich. Ich war permanent gestresst, habe Fall über Fall gelesen und versucht diese zu lösen, bin aber bereits am Gutachtenstil gescheitert. Ich war wahnsinnig überfordert davon, den ganzen Stoff zu lernen, nicht-wissend, was eigentlich die genauen Anforderungen sind. Einfach ins Blaue hinein lernend, immer wieder verzweifelnd. Ich hatte nicht mal Zeit, mich über die Menge des Stoffes aufzuregen. Immer wieder habe ich meine Lernmethode geändert, hoffend, dabei irgendeine Sinnvolle zu finden.

Ich hatte immer die Worte des damaligen Dekans im Kopf, dass Frauen dazu neigen würden, einfach ganz viel auswendig zu lernen und zu denken, dass sie dadurch besser würden. Diesem sexistischen Klischee aus dem Weg gehen wollend, versuchte ich mich darauf zu konzentrieren, mir stattdessen die Methode anzueignen und den Gutachtenstil zu lernen, kam aber natürlich nicht drum herum, trotzdem diverse Definitionen auswendig zu lernen (weil man das nun mal häufig einfach muss!).

Das pünktliche zu Bett gehen vor dem Klausurentag, das bangende Aufstehen, das letzte Durchgehen der Karteikarten auf der Straßenbahnfahrt, das Betreten des Audimax und das Suchen eines Platzes (in meinem Fall) ganz vorn, damit ich nicht die ganzen rauchenden Köpfe sehen muss,  während meiner vielleicht gerade aussetzt: all das werde ich nicht vergessen. Denn zum Glück ist es nicht mehr ganz so schlimm. Meine Prüfungsangst von damals hat sich über die Jahre und die geschriebenen Klausuren hinweg ein wenig gelegt. Immerhin kann ich mittlerweile vor einer Prüfung mit anderen sprechen und sitze nicht mit Kopfhörern in den Ohren auf meinem Stuhl und warte bis das Warten vorbei ist.

Immer noch finde ich es allerdings schrecklich, wenn Menschen nach der Klausur über die Klausur reden. Wenn man in der Schlange zur Abgabe steht und Menschen vor einem zum Beispiel über ihre Anspruchsgrundlagen reden oder welche Meinungsstreits ja mal wirklich auf jeden Fall in dieser Klausur geführt werden mussten. Wenn man aus dem Hörsaal tritt und eine Gruppe davor lautstark diskutiert, ob das jetzt Anstiftung oder Beihilfe war, ich aber in dem Gekritzel, dass ich gerade abgegeben hab, von einer Mittäterschaft gefaselt habe. Das ist irgendwie immer doof, also bitte: wenn ihr nach der Klausur über die Klausur reden wollt, dann tut das doch leise und nehmt Rücksicht auf die Menschen, die gerade versuchen, ihren Puls wieder in den Griff zu kriegen. Dafür wäre ich, und bestimmt noch ein paar andere Kommiliton*innen da draußen, sehr dankbar!

So dankbar, wie man dann auch ist, wenn man den ganzen Mist mal wieder hinter sich gebracht hat. Für dieses coole Freiheitsgefühl lohnt es sich dann irgendwie auch jedes Mal wieder, durch den Stress gegangen zu sein. Wir sollten nicht vergessen, das zu genießen. Denn wenn man den Raum, in dem man geschrieben hat, dann verlässt, hat man die Leistung erbracht. Und das ist stark. Wie diese Leistung ausgefallen ist und bewertet wird, kann in dem Moment doch einfach erstmal egal sein, denn jede Leistung ist ja schließlich wertvoll und naja, nun mal eine Leistung.

Fia Josefine Schrader


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