Mehr ist weniger – lesen Sie das, Herr Merz!

WoDkA- Die Wochenmeinung Der kleinen Advokatin

In den letzten Jahren ist Work-Life-Balance das Arbeitskonzept schlechthin geworden. Die Trends von Teilzeitjobs und Vier-Tage Woche zeigen steil nach oben.

Bis jetzt: Denn der neue Bundeskanzler schlägt eine ganz andere Richtung ein: mehr Arbeit, mehr Leistung, weniger Freizeit.

Und das heißt auch, keine Vier Tage Woche und schon gar keine Work-Life-Balance. Seine Behauptung ist, „Wir Deutschen arbeiten zu wenig“. Laut Merz ist es Zeit, dass wir als Volk etwas für unser Land tun, also noch mehr arbeiten und am besten noch mehr Überstunden leisten, die wohl gemerkt größtenteils unbezahlt sind.

Doch woher kommt diese Merz`sche Hysterie bezüglich der deutschen Arbeitsmoral?

Eins der großen Ziele des Bundeskanzlers ist es, die deutsche Wettbewerbsfähigkeit in internationalen Raum zu erhalten und zu steigern. Das Wirtschaftswachstum beträgt zurzeit genau Null Prozent und muss laut Merz dringend angekurbelt werden. Ein weiteres Problem ist der demografische Wandel. Viele Boomer gehen bald in Rente, das Rentensystem droht zu kollabieren. Um das Problem zu „lösen“ fordert Merz also: mehr arbeiten, denn wir Deutschen seien zu faul!

Doch stimmt das überhaupt? Eine aktuelle Studie des Instituts für Deutsche Wirtschaft in Köln belegt genau diese These, nur Belgier*innen und Französ*innen arbeiten in Europa noch weniger als Deutsche. Wir arbeiten im Schnitt 1036 Stunden pro Erwerbsjahr, die Pol*innen als Vergleich geschlagene 1304 Stunden. Dennoch ist Vorsicht bei diesen Ergebnissen geboten, denn die Studie ist kaum zum internationalen Vergleich geeignet. Zum einen wirft sie Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte in einen Topf. Insbesondere in Deutschland arbeiten viele – vor allem Frauen- als Teilzeitkraft. Zum anderen bleibt die Arbeitsproduktivität unbeachtet, also wie viel in der Arbeitszeit tatsächlich erreicht wird.

Fakt ist, dass die deutsche Wirtschaft schwächelt, doch ob wir wirklich „zu wenig“ arbeiten ist schwer zu sagen. Fraglich ist also, ob ein einfaches „mehr arbeiten“ wirklich zielführend ist. Mehr Arbeit bedeutet nämlich auch: mehr Stress, mehr Burnout, mehr Unzufriedenheit, mehr Krankheit. Unter dem Strich also möglicherweise sogar weniger Produktivität. Damit stellt sich die Frage, ob mehr Arbeit überhaupt möglich bzw. stemmbar ist. Zumindest für die Vollzeitbeschäftigten, die im Schnitt mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten.

Die Stellschraube, an der es sich zu drehen lohnt, ist eine andere: Effizienz. Arbeitszeit sollte zunächst so gestaltet werden, dass in der gleichen Zeit mehr erreicht wird. Dies wird aber nicht durch ein einfaches Erhöhen des Pensums erreicht, sondern durch Innovation, etwa durch eine sinnvolle Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und mehr Einsatz von KI. Außerdem können Frauen, die meist ungewollt deutlich öfter teilzeitangestellt sind als Männer, von privaten und familiären Aufgaben sowie Karrierehindernissen entlastet werden, so dass sie mehr arbeiten können. Letzteres ist in Anbetracht der festgefahrenen Rollenverteilung sowieso ein großes SOLL und MUSS!

Wenn Sie, Herr Merz, also das nächste Mal behaupten, wir müssen mehr arbeiten, dann entgegne Ich, dass es nur in einem Bereich mehr Arbeit erfordert: und zwar in der Politik!

Eliza


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