WoDkA – Die Wochenmeinung Der kleinen Advokatin
Als mir meine Eltern erstmals von der polnischen Gewerkschaft und Untergrundorganisation Solidarność erzählten, war ich ein leicht zu begeisternder Jugendlicher und lauschte andächtig den Erzählungen von dieser außergewöhnlichen Widerstandsbewegung gegen eine repressive Staatsführung in den 1980er Jahren. Retrospektiv war dies meine erste bewusste Begegnung mit dem vielschichtigen Begriff der Solidarität.
An diese erste Begegnung musste ich unwillkürlich zurückdenken, als ich am Mittwoch über die Urteilsverkündung des Bundesverfassungsgerichts zum Solidaritätszuschlag stolperte. Kein Widerstand gegen eine freiheitsfeindliche Staatsführung, keine Massenbewegung aus dem Untergrund – und doch war da wieder dieser Begriff. Und mit ihm kam diese fast vergessene Erinnerung.
Wer Solidarität in der Suchmaschine seiner/ihrer Wahl eintippt, landet relativ schnell auf einer Website der Bundeszentrale für politische Bildung, Unterkapitel „Das junge Politik-Lexikon“. Hier wird versucht, jungen Leser*innen diesen abstrakten Begriff mit einem simplen Beispiel folgendermaßen näherzubringen:
„Du hast den Eindruck, dass dein Freund von einem Lehrer ungerecht behandelt wird. Du stehst auf und sagst es laut. Du stellst dich also auf seine Seite, zeigst dein Zusammengehörigkeitsgefühl mit deinem Freund.“
Im weiteren Verlauf erklärt die Website den Begriff Solidarität neben „Zusammengehörigkeit“ auch mit „Nächstenliebe“. Zwei Aspekte, die gemeinhin wohl recht positiv konnotiert sein dürften.
Und doch werde ich den Eindruck nicht los, meine Lehrer*innen hätten es über die Jahre eher seltener positiv honoriert, wenn man ihrem Verhalten gegenüber Mitschüler*innen mit Widerspruch begegnet war. Ebenso wie der Vorstellung, Kommiliton*innen ständen einem mit breiter Brust zur Seite, nachdem ein erfahrener Juraprofessor den mutigen aber inhaltlich inkorrekten Antwortversuch der einzigen Meldung im Saal mit wenig respektvoller Sprache verworfen hat, ein deutliches Störgefühl innewohnt. Wird uns solidarisches Verhalten etwa abtrainiert?
„Das wäre ja auch respektlos“ werden jetzt manche einwerfen. „Gewisse Personen haben halt mehr Kompetenz als andere, das sollte man respektieren“ werden andere geschliffener hinzufügen. „Ohne Autorität geht es eben nicht“, hört man dann vielleicht noch die beinahe Problembewussten verdrießlich beipflichten. Irgendetwas sagt mir, dieser Weltsicht sind wohl auch die vor dem BVerfG gescheiterten Beschwerdeführer*innen zuzuordnen, denen der Solidaritätszuschlag einfach ein bisschen zu solidarisch war.
Denn all das und mehr ist eben Solidarität. Auch mal in respektloser Weise Kompetenzen auf die Probe und Autorität in Frage stellen. Auch dann aufzustehen, wenn das anerzogene Störgefühl einen auf der bequemen Sitzunterlage zu bleiben verlockt. Nächstenliebe zu schenken, Zusammengehörigkeit zu finden und gemeinsam für Verbesserungen zu streiten. Zärtlich zu sein gegenüber allen, die durch die Ausübung von Macht betroffen sind.
Wie die Solidarność in den 80ern, Hand in Hand gegen die Repression.
Oder zumindest wie das BVerfG mit ihrem aktuellen Urteil vom 26.03, das der weiteren Entsolidarisierung des deutschen Steuersystems vorerst eine kleine, aber dringend notwendige Absage erteilt hat.
Robert Perl

